Out in der IT-Branche – der neoliberale Feelgood Vibe im Ländervergleich Niederlande vs. Deutschland

von Maggie Jaglo

Es wird niemanden überraschen, dass Toleranz sich je nach Region und Branche unterscheidet. Wie sieht es in der IT-Branche aus, wo seit neuestem ein neoliberaler Feelgood Vibe das „Doing“ zu bestimmen scheint? Wie gay friendly geht es wirklich zu? Ein Erfahrungsbericht – Vergleich Amsterdam mit München.

Es ist ein sonniger Tag in Amsterdam an meinem ersten Arbeitstag bei einem Tech Start-up – in diesem Jahr sollte ich lernen, dass die Sonne nicht wirklich oft auf Amsterdam scheint. Doch was Amsterdam an warmem Klima vermissen ließ, kompensierte es mit Toleranz, Offenheit und dem Flair einer Weltstadt. Ich wusste gar nicht, wo mir der Kopf stand.

Ich denke ein paar Monate zurück an meinen ersten Job nach der Uni: ein unterbezahltes Praktikum in einer IT-Klitsche. Der Game Designer erzählt mir: „Unser Cheffe hat gestern gesagt: ,Weißt du eigentlich, dass Maggie lesbisch ist?‘ und ich meine nur ,jaaa‘...“ gefolgt von einem Augenrollen von uns beiden. An sich nichts Wildes. Oder? Dass das nur die Spitze des Eisbergs sein sollte, war mir mit knapp 25 Jahren und 2 Monaten Berufserfahrung noch nicht klar.

Privatleben? Kommentieren die Deutschen gerne

Was kommt nach dem Outing? Das Outing. Und noch eins. Immer wieder. Allerdings hatte und habe ich dieses Gefühl fast ausschließlich in der Arbeitswelt mit Deutschen. Meine Auflistung an Erlebtem und Kommentaren werden so mancher wohl – leider – bekannt vorkommen: Von unüberlegten und unreflektierten „das ist ganz schön schwul“ Ausrufen über maximal unangemessene Fragereien, ob ich nicht einfach mal „einen richtigen Mann“ bräuchte, bis hin zu „ey, das ist doch ne Lesbe, oder?“ Feststellungen, in wenigen Jahren IT-Branche war alles dabei. Allerdings primär von Deutschen (in Deutschland).

„Gay Pride is the best party weekend of the year!“

Zurück zum 1. Arbeitstag in Holland: Meine Chefin erzählt vom Königstag. Der Geburtstag des Königs ist ein Feiertag und die halbe Nation feiert eine fette Party in Amsterdam (kein Witz). Aber die mit Abstand beste Party ist die Gay Pride im Sommer, sagt sie. Ich denke mir: Wie nett, dass sie das sagt. Man sieht es mir wohl wirklich an der Nasenspitze an. Wie ich später lernen sollte, sind meine KollegInnen und auch die sonstigen AmsterdamerInnen ziemlich unbeeindruckt von meiner Orientierung. Auch meine Chefin war nicht betont tolerant – der CSD ist wirklich eine Party der Superlative. An der Nasenspitze hatte sie mir tatsächlich nichts angesehen.

Wie gay friendly ist meine Arbeitgeberin wirklich?

Für LGBTI gilt aus ihrem besonderen Blickwinkel: Augen auf bei der Wahl der Arbeitgeberin. Schon mal was von Diversity gehört? Gibt’s mehr als nur eine Regenbogenflagge auf LinkedIn zur Pride? Mit ein paar Farben über das Logo gemalt muss in der Wirklichkeit noch lange nichts heißen. Bei meiner jetzigen Firma in München hat mein Vorgesetzter mich nicht darauf hingewiesen, dass sich der Christopher Street Day in der Alpenmetropole sehen lassen kann; er hat holländisches Nicht-Einmal-Schulterzucken an den Tag gelegt. Zu meiner Hochzeit gab es Champagner, zahlreiche Glückwünsche und eine Bohrmaschine mit Herzen und Regenbogenflagge drauf – ganz ohne komische Kommentare! Es war einfach eine Hochzeit, frei von Zusätzen wie „Homo“, „Lesben“ oder „Regenbogen“.

Betont tolerant? Das sind Deutsche oft

Betont tolerant – das erlebe ich oft noch in deutschen Büros. „Die beste Freundin meiner Tochter hat auch eine Frau geheiratet.“ – „Diese zwei Freunde von mir, auch schwul...“ – „Ich komm ja aus Köln, alles easy...“
Holland ist eben nicht nur in der Digitalisierung 20 Jahre weiter. Ich interpretiere das als „nett gemeint“. Als ein „ich finde dich okay, ich kenne das schon“. Auf solche Kommentare kann ich allerdings genauso gut verzichten wie auf Bargeld im Zahlungsverkehr. Ohne ist das Leben einfacher. 

Toleranz üben – im wahrsten Sinne des Wortes

Zum Glück orientieren sich die Deutschen nicht nur an den Niederländern in Bezug auf Digitalisierung – auswandern muss also niemand. Viele IT-Unternehmen haben erkannt, dass es ihnen gut steht, sich gay friendly zu geben. Sei du selbst und erhöhe deine Arbeitsleistung; so fügt sich die Narration des neoliberalen Feelgood Vibes nahtlos in Forderungen von LGBTI Arbeitenden nach Sichtbarkeit und Anerkennung ein. Scheint es zumindest. Allerdings sind bei weitem nicht alle IT-Unternehmen so gay friendly, wie sie es behaupten. Was kann ich nach 5 Jahren Berufserfahrung nun schlussfolgern? Es ist noch ein weiter Weg zu „gleichgültiger“ Toleranz, doch es geht voran.
 

Maggie studierte Soziologie und ist derzeit tätig als Scrum Master bei einer IT-Beratung. In ihrer Studienzeit hat sie Partys für LGBTI veranstaltet, heute leistet sie ihren Beitrag für die Community im Bereich Unternehmenskultur.

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